Alles konstruiert. Nestlé zu verurteilen hilft weder dem Urwald noch dem Orang-Utan.

21 Nov

Ich will mich nicht als Verteidiger von Nestlé aufspielen. Ich kenne das Unternehmen nicht, und ich würde niemals wagen zu sagen, Nestlé sei ohne Schuld. Ich möchte mich auch nicht als Ankläger von Greenpeace aufspiele, denn ich finde es wirklich gut, wie sich Greenpeace einsetzt. Ich fühle mich allerdings „verkackeiert“. Denn ich kann keinerlei Belege für die Behauptungen von Greenpeace finden, Nestlé vernichte Orang-Utans und Regenwald. Nur viele Behauptungen, schlimme Bilder, Nebelkerzen, Unterstellungen und Kommunikationstricks, die einen Zusammenhang suggerieren.

Also was ist passiert?

Image001Ich habe in meinem letzten Blogpost kritisiert, dass Greenpeace nicht dazu beiträgt, dass der sehr komplexe Sachverhalt etwas deutlicher wird. Dabei geht es mir gar nicht um die Sache: Die erscheint mir unzweifelhaft gegeben. Es ist wohl unstrittig, dass in Indonesien und Malaysia eine ungeheure Umweltzerstörung stattfindet, die ohne Frage zu verurteilen ist. Das hat bisher nur offensichtlich niemanden interessiert. Auf die Agenda kam das Thema erst, als Greenpeace behauptet hat, Nestlé wäre Schuld. Aber die genaue Rolle von Nestlé blieb im Nebel.

Und heute habe ich von Greenpeace den Link zu einer Broschüre geschickt bekommen, welche eben diesen Nebel lichten soll. Und ich bin enttäuscht worden.

Greenpeace hat eine Broschüre veröffentlicht mit dem Titel: „Auf Frischer Tat ertappt – wie Nestlé mit dem Anbau von Palmöl Regenwälder und Orang-Utans vernichtet.“ (siehe auchhttp://scribd.com/doc/28739076)

Was sagt die Broschüre – und was verschweigt sie?

Wenn man sich die Broschüre genauer anschaut, sieht man folgendes:

  •  Die Broschüre umfasst 16 Seiten mit vielen eindringlichen Bildern
  •  Der Text umfasst und 28.301 Zeichen Text (inklusive Leerzeichen).
  •  Davon entfallen auf Nestlé: 2.292 Zeichen (inklusive Leerzeichen).
  •  Und davon entfallen auf allgemeine Beschreibungen von Nestlé ohne Zusammenhang mit dem Palmöl oder auf von Nestlé unbestrittene Fakten: 2.100 Zeichen.

Inhaltlich stützen die Kausalität zwischen der Umweltzerstörung und Nestlé genau zwei Aussagen mit 192 [sic!] Zeichen

  •  „Das Unternehmen ist ein großer Abnehmer von Palmöl – mit steigender Tendenz.“
  •  „Laut eigenen Aussagen hat sich der Palmöl-Verbrauch von Nestlé in den letzten Jahren auf 320.000 Tonnen verdoppelt“

Wenn man diese Aussagen für sich genommen liest, scheinen sie plausibel. „Ein großer Abnehmer“ klingt nach Mitverantwortung und eine Verdoppelung klingt dramatisch. Was das aber nicht beantwortet: Wie viel der 320.000 Tonnen bezieht Nestlé von Sinar Mas und wie viele Tonnen kommen von anderen Herstellern?  Wie hoch ist die weltweite Produktion von Palmöl, wie hoch die von Indonesien?  Was bedeutet „in den letzten Jahren“? In den letzten „20“ Jahren? Oder in den letzten „2“ Jahren?

Und damit man den Anteil von Nestlé an der Zerstörung und auch eine mögliche Marktmacht beurteilen könnte, würde mich auch interessieren: Wie viel Palmöl produziert Sinar Mas insgesamt? Wie viel des durch Sinar Mas produzierten Palöls nimmt Nestlé ab? Wer sind die anderen Kunden von Sinar Mas?

Nicht Greenpeace, sondern Nestlé gibt darauf die Antworten (http://bit.ly/9VBh4i)

  • Die globale Produktion von Palmöl beträgt 42 Millionen Tonnen.
  • Indonesien produziert rund 19 Millionen und Malaysia rund 18 Millionen Tonnen.
  • Nestle nimmt 0,7 Prozent der weltweiten Produktion ab (320.000 Tonnen)
  • 6 Millionen Tonnen des durch Malaysia und Indonesien exportierten Palmöls geht nach China, 4,5 Millionen in die EU und 3,9 Millionen Tonnen gehen nach Indien.

Und wofür das ganze Palmöl verwendet wird, klärt der WWF recht gut auf:http://www.wwf.de/themen/landwirtschaft/agrarrohstoffe-und-weltmaerkte/palmoel/produkte/

Warum bringt Greenpeace nicht diese, wie ich finde, absolut relevanten Fakten? Die Antwort ist klar: Sie zerstören sofort das Bild, dass Nestlé die bösen Buben sind.

Weitere Ungereimtheiten

Zudem gibt es eine ganze Reihe von Aussagen in der Greenpeace Broschüre, die einen geübten Kommunikationsmenschen aufhorchen lassen. Zum Beispiel:

„Das Chocoladenwerk Hamburg, wo Nestlé den Riegel KitKat herstellt, wird von IOI (Loders Croklaan), einem weiteren wichtigen Palmölproduzenten beliefert. Greenpeace konnte aufzeigen, dass IOI im Jahr 2009 mehrere Schiffladungen mit Sinar Mas Palmöl erhalten hat.“

Handelt es sich um einen schlechten Text oder um eine schlechte Manipulation. Hier steht nur, dass IOI „mehrere Schiffladungen mit Sinar Mas Palmöl erhalten hat“, und dass IOI das Chocoladenwerk Hamburg beliefert. Hier steht nicht, dass Greenpeace aufzeigen konnte, dass das Chocoladenwerk Hamburg „mehrere Schiffladungen mit Sinar Mas Palmöl erhalten hat“.

Alles nur konstruiert

Es scheint mir immer wahrscheinlicher, dass Greenpeace ganz systematisch etwas konstruiert, um ihrer Kampagne Nachdruck zu verleihen. Das ist ja auch aufgegangen. Indem man Nestlé als „unfreiwilliges Zugpferd“ der Kampagne auserkoren hat, hat das Ding wirklich mehr Pep und Dramatik.

Unter dem Strich hat die Greenpeace Kampagne nur eines gezeigt: Dass Nestlé Fehler in der PR macht. Alles andere lässt sich nicht halten. Es ist wirklich schade, wie viele Vorlagen dann Nestlé Greenpeace geliefert hat. Eigentlich wäre das Konstrukt von Greenpeace einfach einzureißen gewesen. Kann man nur hoffen, dass die PR-Leute in potenziell betroffenen Unternehmen in Zukunft besser mit so etwas umgehen  – und vielleicht auch die Lage besser analysieren.

Und es ist zu hoffen, dass jetzt eine Debatte über Palmöl an sich beginnt. Laut WWF (Link siehe oben) ist die ja mindestens 12 Jahre alt. Gefordert ist vor allem auch die EU. Die kann wirklich etwas erreichen, wenn sie eine einheitliche Kennzeichnungspflicht in Europa einführt. Denn laut WWF muss Palmöl nicht explizit ausgewiesen werden. Und wenn die EU eine solche Kennzeichnungspflicht besteht, kann der Konsument auch palmölhaltige Produkte boykottieren.

Nestlé hat inzwischen jedenfalls angekündigt, auch die Beschaffungswege ihrer Zulieferer transparent zu machen, und den Bezug von Sinar Mas Palmöl über Zulieferer definitiv zu vermeiden. Ob das den erwünschten Druck auf Sinar Mas ausübt? Nun ja, nach den Zahlen oben hat Nestlé nach vernünftigen Schätzungen maximal 1 Prozent des durch Sinar Mas produzierten Palmöls abgenommen. Ob das reicht, Sinar Mas in die Knie zu zwingen?

Mein Fazit: Nestlé zu verurteilen hilft weder dem Urwald noch dem Orang-Utans.

Unter dem Strich bin ich etwas ratlos. Da hat mich Greenpeace aufgerüttelt, ich habe fast zwei Tage damit verbracht, mir eine differenzierte Meinung zu bilden, und stehe doch irgendwie mit leeren Händen da. Nestlé zu verurteilen hilft aus meiner Sicht weder dem Urwald noch dem Orang-Utans. Ich würde gerne auf alle Produkte verzichten, die irgendwie Palmöl (aus Indonesien) enthalten. Aber mangels gesetzlicher Regelung werde ich sie wohl nicht identifizieren können. Also kommt, Greenpeace, macht mal Druck auf die EU! Denn die muss was tun, damit wir etwas wirklich Sinnvolles tun können: Nämlich alle Produkte mit Palmöl zu boykottieren, und nicht nur KitKat.

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