Greenpeace vs. Nestlé – gerechter Kampf um die Sache oder Propaganda ohne Rücksicht auf Verluste?

21 Okt

Ein schon alter Artikel (von 2010) aber immer noch interessant zu lesen, wie ich finde.

Greenpeace macht mobil. Gegen Nestlé. Und Greenpeace zieht alle Register: Kindchenschema, Schockvideos, virale Verbreitung, David gegen Goliath, Zensurvorwürfe. Greenpeace lässt fast nichts aus, um Aufmerksamkeit zu generieren, Greenpeace nutzt alles, worauf die Community sensibel reagiert. Und sie scheint mir extrem erfolgreich. Sie trifft ins Herz der Verbraucher, und sie trifft direkt die betriebswirtschaftlichen Interessen von Nestlé: Das Bild vom blutenden Orang-Utan-Finger wird sich in das Gehirn eines jeden Menschen eingebrannt haben, der diesen Spot gesehen hat, und er wird dort für immer mit “KitKat” verbunden sein. 

Ich persönlich fange an, mir Sorgen zu machen. Ich halte mich für einen tendenziell überdurchschnittlich gut informierten Menschen, der auch in der Lage ist, komplexe Zusammenhänge zu verstehen. Aber der Fall Greenpeace versus Nestlé fängt an, mich zu verunsichern. Ich fange an mir Sorgen darüber zu machen, ob die ehemals Ohn-Mächtigen anfangen, Macht zu missbrauchen. Der Zugang zu Massenmedien war früher ein Machtinstrument. Und diese Macht wurde von vielen Mächtigen missbraucht – auch weil das “gemeine Volk” nicht in der Lage war, sich adäquat eine Meinung zu bilden.

Meinungsbildung im Vorbeigehen?

Ich habe heute einen kurzen Twtpoll auf Twitter gestellt. http://twtpoll.com/lt257f, weil mich interessiert hat, wie diese Kampagne wirkt. Welchen Einfluss sie auf die Meinungsbildung hat. Bisher haben nur knapp 40 Leute geantwortet, trotzdem bestätigt das Ergebnis eine Vermutung: Die meisten Menschen übernehmen die Argumentation von Greenpeace ziemlich unkritisch. Mehr als 50 Prozent verbreiten die Nachricht ungeprüft weiter. Ist das repräsentativ? Nein. Ist es einer Debatte wert? Ich meine ja. Denn es zeigt, wie Social Media wirkt. Und es zeigt die Gefahr des Missbrauchs.

Die Kampagne von Greenpeace ist – ganz neutral gesprochen – populistisch, und ich befürchte, sie ist auch ebenso polemisch wie propagandistisch. Denn so langsam fange ich an zu glauben, dass es auch Greenpeace mit der Wahrheit nicht so wichtig ist. Ich kenne nicht alle Hintergründe. Und weil das Thema so komplex ist, müsste man sich auch ausführlich mit dem Thema beschäftigen. Mein Eindruck ist jedoch, dass es Greenpeace nicht wirklich und nicht ausschließlich um die Sache geht. Greenpeace geht es um maximale Aufmerksamkeit, und auch vorsätzlich erzeugten Schaden. Für Greenpeace gilt nicht nur “ohne Rücksicht auf Verluste”, für Greenpeace ist der Schaden gewollt. Da ist es ganz egal, ganz auch menschliche Schicksale mit Nestlé verbunden sind. Denen geschieht es offensichtlich recht.

Nestlé macht entscheidende Fehler

Nachdem Greenpeace die Kampagne gestartet hat, hat Nestlé offensichtlich ein paar Fehler gemacht. Das Video von YouTube löschen zu lassen, war taktisch nicht klug – und Greenpeace hat das ausgenutzt. Und es gab sicherlich auch einige (wahrscheinlich individuelle) Fehler in der Kommunikation  – und Greenpeace hat das ausgenutzt. Aber dann hat Nestlé auch inhaltlich reagiert und erklärt, Hintergründe deutlich gemacht: In einer deutschen Pressemitteilung ebenso wie in einer internationalen Erklärung. Ich persönlich halte die Argumentation für gut und nachvollziehbar. Und ich glaube auch nicht, das Unternehmen per se schlecht und unverantwortlich handeln.

Und was macht Greenpeace?

Greenpeace hatte Nestlé vorgeworfen, das Palmöl von dem Lieferanten Sinar Mas zu beziehen. Nestlé hat klar kommuniziert, dass sie kein Palmöl von Sinar Mas einkaufen. Anstatt den Dialog zu suchen, verweist Greenpeace ohne weiter Details darauf, dass eben Nestlé nun das Palmöl indirekt von Sinar Mas bezöge. Nachweise? Keine! Präzisierung wie viel? Nichts. Stattdessen beschwert sich Greenpeace über den angeblich unlauteren Versuch der Zensur. Was hat das jetzt damit zu tun? Aber auch das haben wir gelernt: Wer einmal in den Verdacht einer unlauteren Handlung gekommen ist, darf sich auch mit legalen Mitteln nicht dagegen wehren. Wer richtig mit dem Social Web spielt, beruft sich einfach auf “Zensur” und kann so sicherstellen, dass auch illegale oder illegitime Inhalte erhalten bleiben. Interessiert da noch die inhaltliche Debatte?

Wäre der Verbraucher nicht der richtige Adressat?

Ich persönlich kenne mich mit der Verwendung von Palmöl nicht aus. Aber ich vermute, nicht nur Nestlé benötigt zur Herstellung von Schokolade Palmöl. Greenpeace wendet sich an den falschen. Der richtige Adressat der Kampagne wäre nicht Nestlé, sondern der Verbraucher. Denn der verlangt und kauft Schokolade. Oder Kosmetikprodukte mit Palmöl. Oder Reinigungsmittel. Wenn es Greenpeace ernst sein würde mit dem Schutz der Orang-Utans, dann würde sie das thematisieren, und nicht nur einen einzelnen Konzern attackieren. Aber Nestlé war ja schon früher in der Kritik, Nestlé ist also ein wirklich geeignetes Opfer. Greenpeace geht es aber nicht um die Orang-Utans. Greenpeace geht es lediglich um die Publicity. Und um eine Art Klassenkampf. Aktuell trifft es eben Nestlé “pars pro toto”. Anscheinend einfach Pech gehabt, meint Greenpeace.

Was lerne ich persönlich daraus?

Bestimmt ist nicht alles gut, was Nestlé tut. Nestlé kann sicherlich noch mehr für den Schutz des Regenwaldes tun, als sie es aktuell tun. Nestlé hat sicherlich auch jahrelang von der Zerstörung der Regenwälder profitiert und sich schuldig gemacht. Aber nach meiner Meinung kann Unrecht nicht Unrecht legitimieren. Und was Greenpeace tut, ist Unrecht. Es ist rechthaberisch, verletzend, schädigend, polemisch und manipulativ. Ich freue mich, dass Greenpeace mich auf den Vorgang aufmerksam gemacht hat. Aber der Imageschaden bei Greenpeace ist bei mir persönlich deutlich größer als der bei Nestlé.

Denn ich fange auch langsam an, mich auf die Seite des schwächeren zu stellen. Und im Social Web scheinen mir die Unternehmen die schwächeren zu sein. Sie haben vermeintlich kaum eine Chance, gegen solche Form von Propaganda vorzugehen. Schade eigentlich um das Social Web. Denn durch solchen Missbrauch könnte bald das Medium in Verruf geraten.

Hier geht es übrigens weiter! “Alles konstruiert. Nestlé zu verurteilen hilft weder dem Urwald noch dem Orang-Utan.”

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